Brauchen wir Lebensmittelverpackungen?

 

In der Reihe Fact Sheets veröffentlicht die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) allgemeinverständliche Informationen zu relevanten Themengebieten. Erstellt werden die Fact Sheets von dem Expertengremium "ChemFacts for Future", in dem sich Wissenschaftler*innen der GDCh aus verschiedenen Fachgebieten gemeinsam um relevante Themen kümmern. 

Brauchen wir Lebensmittelverpackungen? (Fact Sheet 4)


Fakten

Am Ende des Jahres 2075 wird die stetig wachsende Weltbevölkerung auf ca. 10.5 Milliarden gestiegen sein. Hunger bleibt daher eine für große Teile der Weltbevölkerung lebensbedrohliche Realität. Vor diesem Hintergrund ist eine Studie aus dem Jahre 2011 der Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen (UN) schmerzlich: sie besagt, dass ein Drittel der Lebensmittel-Produktion, und damit auch die hierfür aufgewendeten Ressourcen wie z.B. Wasser und Treibstoff, „verloren“ geht. Folgerichtig definiert das „Sustainable Development Goal 12.3“ der Agenda 2030 der UN als wichtiges Ziel, den Lebensmittelverlust auf dem Weg zum Verbraucher bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Eine Studie der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ergab, dass 13% der Lebensmittel sogar ungeöffnet im Abfall landen − hauptsächlich, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Moderne Plastik-Verpackungen schützen Lebensmittel nicht nur auf dem Transportweg und in den Geschäften, sie können auch helfen, das Haltbarkeitsdatum enorm zu erhöhen, was signifikant zur Reduzierung der Lebensmittelverluste beiträgt. Leider werden 80% dieser Lebensmittelverpackungen nach einmaliger Nutzung weggeworfen, ein Teil davon wird sogar unsachgemäß in die „Umwelt“ entsorgt, wo sie über sehr lange Zeiträume persistent sind. Von Wind, Niederschlag und Sonne zu Mikroplastik zerkleinert wird es von Pflanzen und Organismen aufgenommen und landet in der Nahrungskette.

Problem

Wir brauchen innovative, produktspezifische, transparente, mechanisch belastbare high-performance Lebensmittelverpackungen, die nachhaltig und recyclingfähig sind und die sich, falls unsachgemäß in die Umwelt entlassen, binnen kurzer Zeit zersetzen und komplett assimiliert werden.

Problemlösung

Das komplexe Anforderungsspektrum kann nur durch eine systematische und umfassende Erkundung aller möglicher Parameter bedient werden: neue Monomer (-Mischungen), Polymerarchitekturen, Zusammensetzungen und Füllstoffe. Dies wird neue Recycling-Strategien zugänglich machen: chemisches Recycling (Rückgewinnung der Monomere) oder organisches Recycling (Kompostierbarkeit). Hochleistungsbarriere-Pigmente werden zudem die Haltbarkeit der Lebensmittel um Größenordnungen erhöhen.
 

Autor*innen:
Die Autor*innen sind Mitglieder im Sonderforschungsbereich 1357 „Mikroplastik“: Prof. Dr. Seema Agarwal, Makromolekulare Chemie, Universität Bayreuth und Prof. Dr. Josef Breu, Festkörperchemie, Universität Bayreuth

Das Fact Sheet Brauchen wir Lebensmittelverpackungen? als pdf zum Ausdrucken.
 


Über das Gremium "ChemFacts for Future"

Die bedeutendsten Probleme, mit denen unser Planet und die meisten seiner Bewohner*innen derzeit konfrontiert werden, sind anthropogener Natur. Es ist daher auch die Aufgabe der Menschen, die Probleme zu erkennen und sie effizient zu lösen. Effizient bedeutet zeitnah und problemorientiert – jenseits von politischen und (rein) ökonomischen Interessen. 

Ein Großteil der Probleme kann (nur) unter Heranziehen chemischer Fachkenntnis sinnvoll bearbeitet werden. Die Herstellung und Verbreitung sachlich falscher Zusammenhänge, die zum Teil als Grundlage für politische Entscheidungen – und Fehlentscheidungen – herangezogen werden, sind für Naturwissenschaftler generell und uns Chemiker*innen im Speziellen daher besonders beunruhigend. 

Besonders der chemische Aspekt in Problemfeldern wie CO2-Emission und CO2-Bindung, Luftschadstoffbelastung oder Mikroplastikverbreitung führt dazu, dass wir uns als Chemiker*innen in der Pflicht sehen, belastbare, nicht von Lobbyismus getriebene Fakten zusammenzutragen und diese zu veröffentlichen. Wir sehen es auch als unsere Aufgabe an, in Kooperation mit Experten angrenzender Disziplinen (Medizin, Biologie, Physik) wissenschaftlich sinnvolle und ökonomisch wie ökologisch umsetzbare Lösungsvorschläge zu entwerfen und diese zu publizieren. 

Wir möchten uns als ein Gremium verstanden wissen, welches das Expertenwissen der Spitzenforscher*innen in den relevanten Themengebieten zusammenführt und es sowohl für die wissenschaftliche Community als auch die breite Öffentlichkeit auf verschiedenen Kanälen verfügbar macht. 

Dem Gründungsstab gehören neben dem Präsidenten der GDCh zunächst Vorsitzende verschiedener Fachgruppen und Arbeitsgruppen der GDCh an, die im nächsten Schritt Expertinnen und Experten benennen, die das Team der Verantwortlichen ergänzen werden. Mitglieder des Gremiums.

Kommentare

  • Dr. Peter Hansen
    vor 3 Wochen
    Vielen Dank dafür, dass dieses meiner Meinung nach wichtige Thema aufgegriffen wird. Das fact sheet selbst halte ich für verbesserungswürdig.

    Es wird eine Frage als Überschrift aufgeworfen, die nicht direkt beantwortet wird. Sicherlich sind Lebensmittelverpackungen wichtig, um die Haltbarkeit von Lebensmitteln zu erhöhen. Unstrittig ist jedoch, dass es überflüssige Verpackungen gibt (z. B. Umverpackungen). Ich schlage vor, den Text entweder umzuformulieren oder die Frage in "Können Verpackungen zur Verminderung der Lebensmittelverschwendung beitragen?" zu ändern. Auch einen Satz zu Verpackungen vs. Lebensmittelverschwendung würde ich begrüßen.
    • kjs (Redaktion)
      vor 3 Wochen
      Vielen Dank für die Anregung, die wir an die Autor*innen weitergeben werden. Das Format unserer Fact Sheets ist noch neu und wird kontinuierlich weiterentwickelt.
  • Jens Hartmann
    vor 2 Wochen
    Das Problem ist komplex und ebenso die Lösungsansätze. Bemerkt werden sollte jedoch, dass diese "neuen" Entwicklungen auf dem Gebiet der Polymere wieder neue Ressourcen erfordern und Emisionen freisetzen. Nur ein Gesamtkonzept wäre hier sinnvoll, zudem muss es gut funktionieren. So oder so stoßen wir jetzt schon an Grenzen. Die Entwicklung von bioabbaubaren PHB beispielsweise dauert ja an, seit 30 Jahren!
    Umdenken wäre auch wichtig: Man sollte überlegen, weniger zu produzieren, besser zu verteilen und regionaler anzubauen.
    Ich möchte als Chemiker nicht mehr an Verpackungen forschen, in denen Fleisch transportiert werden soll, das von gequälten Tieren aus Massenhaltung stammt.

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