Das Leben von Hermann Staudinger – im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik

 

100 Jahre Makromolekulare Chemie

Am 10. Dezember 1953 empfing Hermann Staudinger, 72-jährig, Emeritus und über den Zenit seines wissenschaftlichen Schaffens hinaus, späte Lorbeeren: den Nobelpreis für Chemie. Eine unüberbietbare Krönung seines Lebenswerks, das der chemischen Grundlagenforschung und der theoretischen Fundierung der Kunststoffchemie gewidmet war. Hermann Staudingers Theorie des makromolekularen Aufbaus und seine Verdienste um die Polymerwissenschaften brachten ihm Titel wie „Pionier der Polymerforschung“ und „Vater der Makromoleküle“ ein. Er trat nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch gesellschaftspolitisch als produktiver Querdenker in Erscheinung. Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und die American Chemical Society (ACS) haben die Begründung der Polymerwissenschaften durch Hermann Staudinger im Jahr 1999 als einen „Internationalen Historischen Meilenstein der Chemie“ gewürdigt. Am Institut für Makromolekulare Chemie der Universität Freiburg erinnert daran eine Gedenktafel.

Zwischen Wissenschaft und Politik

Nahezu jeder Chemikerin und jedem Chemiker ist Hermann Staudinger heute ein Begriff. Für die breite Öffentlichkeit jedoch ist der Ausnahmewissenschaftler mit Bilderbuchkarriere – Promotion mit 22, Habilitation mit 26 – weitgehend ein Unbekannter geblieben. Noch bevor sich Hermann Staudinger der Wissenschaft zuwandte, ging er in seiner Heimatstadt Worms bei einem Tischler in die Lehre. Das Studium der Botanik schloss sich an, dann, auf Anraten des Vaters, das der Chemie. Hermann Staudingers widmete sich dem Gebiet der organischen Chemie.

Im Jahr 1912 erhielt er den Ruf als ordentlicher Professor an die ETH in Zürich, wo er Kunststoffgeschichte schrieb. Von dort aus verfolgte er die Entwicklungen des Ersten Weltkriegs und forderte die deutsche Heeresleitung auf, alle Kampfhandlungen einzustellen sowie Frieden zu schließen. Angesichts der technischen Überlegenheit der Entente sagte Hermann Staudinger Deutschland eine Niederlage voraus. Krieg war für ihn kein Mittel der Politik. In der Schweiz reift er zu einer Persönlichkeit heran, die sich in Frontstellung gegen den politischen wie den wissenschaftlichen Mainstream begibt. 

Arbeit zur Makromolekularen Chemie zunächst umstritten

Im Jahr 1920 veröffentlichte Hermann Staudinger sein „makromolekulares Manifest“, das der Kunststoffchemie das Fundament gießt. Damals lehnte die Mehrheit der organischen Chemiker seine Arbeit jedoch ab. Der Gegenwind, dem Hermann Staudinger ausgesetzt war, drohte ihn zu isolieren, doch er hielt zäh an seiner Theorie fest und ließ nicht nach, die Existenz der von ihm postulierten „Riesenmoleküle“ experimentell zu beweisen. 1926 folgte er dem Ruf zurück nach Deutschland an die Universität Freiburg, wo er im Breisgau zu Anerkennung und Ruhm gelangte. Mit den 1930er-Jahren brach für ihn schließlich eine neue Zeitrechnung an, als seiner anfangs heftig befehdeten Theorie des makromolekularen Aufbaus der Polymere endlich die verdiente Anerkennung zugesprochen wurde.

Politische Spannungen

Während der Gegenwind aus der Wissenschaft nachließ, zog 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine neue Gewitterfront auf. Was hatte Hermann Staudinger als Leiter des chemischen Instituts der Universität Freiburg vom „totalen Staat“ zu gewärtigen? Und wie sollte er sich politisch den braunen Machthabern gegenüber in Stellung bringen, die bekanntlich die Losung ausgegeben hatten: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“? Dazu mehr hier.

Autor: Guido Deußing
Redaktionelle Bearbeitung: Lisa Süssmuth, GDCh

Die Makromolekulare Chemie feiert in diesem Jahr hundert Jahre. Jeder von uns ist Makromolekülen schon begegnet, zum Beispiel in Form von Kunststoff. Zum Jubiläum zeigen unsere Beiträge dieses Jahr, wo Makromoleküle vorkommen.

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