Was ist eigentlich... Glykol?

 

Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr "Glykol" lest? Natürlich, zumindest die Älteren erinnern sich an den Weinskandal von 1985! Damals floss hauptsächlich aus Österreich mit Frostschutzmittel "veredelter" Wein in die Regale der Supermärkte. Viele Gerichtsprozesse wurden geführt und viele kleinere Winzer und Weinhändler mussten aufgeben.

Glykole sind eine Gruppe von Substanzen mit einer Gemeinsamkeit: zwei, meist benachbarte Hydroxylgruppen im Molekül. Die Hydroxylgruppe finden wir auch beim Alkohol, z.B. im Wein oder Schnaps. Chemiker nennen die Hydroxylgruppe auch OH-Gruppe, weil sie aus O (Sauerstoff) und H (Wasserstoff) besteht. Über die OH-Gruppen können die Moleküle dieser Substanzen vielfältige chemische Verbindungen eingehen.

Verwendung als Frostschutzmittel: Ethylenglykol

Das einfachste Glykol ist eine farblose, leicht zähe, süß schmeckende aber giftige Flüssigkeit, die bei -16°C fest wird und bei fast 200°C siedet (glykos, griechisch = süß). Auf "chemisch" heißt sie Ethylenglykol. Als Trivialname wird für diese Verbindung meistens der Name Glycol verwendet, obwohl Glykol (s.oben) eigentlich für eine ganze Gruppe von Stoffen steht.

Viele von uns fahren dieses Glykol (also das Ethylenglykol) fast täglich spazieren. Setzt man es nämlich dem Kühlwasser im Auto zu, sinkt dessen Schmelzpunkt deutlich. Mit anderen Worten, das Gemisch aus Glykol und Wasser wird auch bei großer Kälte nicht fest, und der Kühler bleibt ganz. Das Glykol ist damit das meist verwendete Frostschutzmittel. Auch am Flughafen: Wer dem Winter in Richtung Kanaren entkommen will, kann im Flieger zwischen München und Hamburg das Enteisen der Flugzeuge beobachten. Hierbei wird eine Mischung aus Glykol und Wasser kurz vor dem Start auf die Außenhaut des Flugzeugs gesprüht, um sie von Eis zu befreien. Weltweit werden jährlich über eine Million Tonnen Glykol produziert; mehr als die Hälfte davon wird im Frostschutz verwendet. Die andere Hälfte wird zur Synthese von Polyester verwendet. 
 

Hat im Wein nichts zu suchen: Diethylenglykol

Von den vielen anderen Glykolen, die es gibt, greifen wir hier das Diethylenglykol heraus. Hat es doch im berüchtigten Weinskandal von 1985 die Hauptrolle gespielt. Auch diese Verbindung ist ziemlich giftig und hat bei anderen Gelegenheiten zu Todesopfern geführt. Während des Weinskandals von 1985 und danach kam es glücklicherweise nicht dazu.

Auch das Diethylenglykol schmeckt süß und verstärkt im Wein die Aromen, wie eine ordentliche Reifung. Beim Test auf das verbotene Nachzuckern von Wein konnte es (vor 1985) nicht nachgewiesen werden. So schmeckte der Wein „hochwertiger“, als es Weine einer niedrigen Preisklasse normalerweise tun. 

Der Weinskandal hat besonders dem österreichischen Weinanbau schweren Schaden zugefügt. Doch Österreich hat seitdem eines der strengsten Weingesetze der Welt. Der österreichische Wein gehört daher heute wieder zur Weltspitze der Qualitätsweine.
 

Der Beitrag wurden vom Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit der Seniorexperten Chemie, einer Fachgruppe der Gesellschaft Deutscher Chemiker, erstellt.
Autor: Dr. Wolfgang Gerhartz (bearbeitet durch kjs)

In der Reihe „Was ist eigentlich…“ stellen wir in leicht verständlicher Form chemische Substanzen vor, die jeder kennt oder fast jeder benutzt.

Kommentare

  • Lars Barzen
    am 25.07.2019
    Das Foto passt nicht zum Artikel. Im Foto wird Scheibenwasch-Flüssigkeit gezeigt. Ethylenglykol wird aber nicht dort, sondern im Kühlwasser eingesetzt.
    • kjs (Redaktion)
      am 29.07.2019
      Korrekt, es ist Scheibenwaschflüssigkeit. Aber sie enthält auch Glykol (oder eine andere Substanz, die den Gefrierpunkt von Wasser senkt).
  • D. Anwand
    am 29.07.2019
    Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es damals plötzlich auch für "normale" DDR-Bürger österreichischen Wein, d.h. Wein aus dem "Westen" für "Alu-Chips" im Hochschul-eigenen "Konsum" zu kaufen gab.

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