Was ist eigentlich... Dioxin?

 

Dioxin – nicht nur das Sevesogift

Ein alter, giftiger Bekannter“ titelt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) ihren Bericht zur Dioxin‐Verseuchung von Futtermitteln im Januar 2011. Immer wieder kommt es zu derartigen Skandalen, seit wir durch den Chemieunfall in Seveso im Juli 1976 auf diese Stoffklasse aufmerksam geworden sind. Damals, in Seveso, kam es bei der Herstellung einer Vorstufe des häufig genutzten Desinfektionsmittels Hexachlorophen durch menschliches Versagen zu einer Explosion. Dabei haben größere Mengen an Dioxin die Region nördlich von Mailand – darunter die Gemeinde Seveso – kontaminiert.

Dioxin steht im allgemeinen Sprachgebrauch für eine Klasse chlorhaltiger, aromatischer Umweltgifte. Im engeren Sinne sind es chlorierte Derivate des Dibenzodioxins, einem Molekül, in dem zwei Benzolringe über zwei Sauerstoffbrücken zu einem dreigliedrigen Ringsystem miteinander verknüpft sind. Das toxischste Dioxin ist das 2,3,7,8‐ Tetrachlor‐dibenzo‐p‐dioxin [2,3,7,8‐TCDD], das auch unter dem Namen Seveso‐Gift bekannt wurde. 

Nebenprodukte bei Verbrennungsvorgängen

Solche Stoffe werden in der chemischen Industrie nicht gezielt hergestellt, sondern sie entstehen unter bestimmten Bedingungen bei allen Verbrennungsprozessen, an denen chlorhaltige Substanzen und Kohlenstoff beteiligt sind. Dioxine bilden sich also auch bei Waldbränden und Vulkanausbrüchen und reichern sich in den jeweiligen Aschen an. Trotz dieses ubiquitären Auftretens der Dioxine in der Natur werden diese Substanzen erst seit dem Seveso‐Unglück genau beobachtet und kontrolliert.

Dies führte zu vielen Maßnahmen, den Dioxingehalt zu senken. Nach WHO-Angaben (WHO: Welt-Gesundheits-Organisation) gilt eine Menge von ein bis vier Picogramm (pg) pro Kilogramm Körpergewicht als tolerierbare tägliche Aufnahmemenge [1 Picogramm = 0,000 000 000 001 Gramm]. Es gab trotzdem immer wieder Skandale, wie im Jahr 2011 mit dioxinverseuchten Futtermitteln. Auch an Kieselrot, eine dioxinbelastete rote Schlacke, die in Deutschland als Belag für Sport‐ und Spielplätze verwendet wurde, sei erinnert. 

Die Dioxine sind nicht alle gleich giftig. Hochtoxisch sind vor allem Derivate mit 4‐6 Chloratomen im Molekül. Sie sind etwa so giftig wie das Muschelgift Saxitoxin oder Tetrodotoxin, das Gift des Kugelfisches (Fugu). Dioxine sind aber deutlich weniger giftig als z.B. der Erreger des Wundstarrkrampfs.

Der Mensch nimmt Dioxine fast ausschließlich mit der Nahrung (besonders Fleisch und Milchprodukte) auf. Dioxinfreie Nahrungsmittel gibt es fast nicht! Dioxine reichern sich in Lebewesen vor allem im Fettgewebe an und verweilen dort sehr lange. Da Muttermilch besonders fettreich ist, ist die Anlayse von Muttermilch eine geeignete Sonde, Dioxinrückstände vergleichend anzuzeigen und zu beurteilen.

Welche Auswirkungen eine massive Dioxinvergiftung auf den menschlichen Organismus hat, konnte die Weltöffentlichkeit am Schicksal des früheren ukrainischen Ministerpräsidenten Wiktor Juschtschenko beobachten. Noch schwerwiegender als die deutlich sichtbare Chlorakne im Gesicht waren die Vergiftungssymptome in Blut, Gewebe und vor allem in der Leber. Man fand im Blut von Juschtschenko mehr als das Tausendfache der normalen Dioxin‐Konzentration. 

Dioxin entsteht technisch bedingt bei der thermischen Metallgewinnung sowie bei der Papierproduktion. Größere Dioxinmengen finden sich in allen Formen von Aschen und Schlacken sowie im Klärschlamm von Abwasserreinigungsanlagen. 


 

Der Beitrag wurden vom Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit der Seniorexperten Chemie, einer Fachgruppe der Gesellschaft Deutscher Chemiker, erstellt.
Autor: Prof. Dr. Eberhard Ehlers (bearbeitet durch kjs)

In der Reihe „Was ist eigentlich…“ stellen wir in leicht verständlicher Form chemische Substanzen vor, die jeder kennt oder fast jeder benutzt.

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