Frei ab 6 Jahren oder nicht? Filmbewertung mit Chemie!

 

Der Film „Good Bye, Lenin!“ – Sie erinnern sich – verarbeitet die Veränderungen nach dem Mauerfall in der Fiktion einer Frau, die nach der Wende aus dem Koma erwacht. Ihre Familie belässt sie in dem Glauben, die DDR existiere weiterhin. Da die Welt sich immer schneller verändert, werden wir alle irgendwann den Punkt erreichen, an dem wir einen solchen Service gebrauchen könnten.

Dieser zeithistorisch bedeutende und vielleicht sogar zukunftsweisende Film kam im Jahr 2003 in die deutschen Kinos; die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) der deutschen Filmwirtschaft hatte ihn zur öffentlichen Vorführung in der Kategorie „ab sechs Jahren“ freigegeben. Auch hier in Großbritannien kam der Film in die Kinos. Aber das British Board of Film Classification (BBFC) befand, dass er sich erst für Jugendliche ab 15 eignet.

Die Begründung: Die Gutachter hätten in der Szene, in der Daniel Brühl das West-Berliner Nachtleben erkundet, eine unbekleidete weibliche Brust erspäht. Und da es um Nachtclubs ging, war dies natürlich eine sexualisierte Entblößung und somit nicht jugendfrei – auch wenn sie Kinder und Jugendliche garantiert nicht schockiert hätte.

Filme zu klassifizieren ist also keineswegs wissenschaftlich und reproduzierbar. Und es kann zu den absurdesten Ergebnissen führen. Kann die Chemie da nicht ein objektiveres Verfahren liefern?

Ein Hoffnungsstrahl erreicht uns aus dem Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Die Arbeitsgruppe des Atmosphärenchemikers Jonathan Williams hatte nämlich ihre Massenspektrometer ins Kino mitgenommen und dort an die Belüftungsanlage angeschlossen. Alle 30 Sekunden analysierten sie die Konzentration von 60 flüchtigen organischen Verbindungen in der Raumluft. Nach 135 Vorführungen von elf verschiedenen Filmen mit insgesamt 13 000 Zuschauern erkannten die Mainzer in den atmosphärischen Veränderungen einen Trend: Die meisten der 60 untersuchten Verbindungen, wie das Kohlendioxid, das die Anwesenden ausatmen, reicherten sich in der Raumluft an – ganz unabhängig davon, welcher Film gerade lief. Lediglich Isopren (2-Methylbuta-1,3-dien), bekannt vor allem als Synthesebaustein der Terpene, erwies sich als Variable, die anzeigt, wie aufregend der Film ist. Je höher das FSK-Zertifikat, desto mehr Isopren lag in der Luft.

Isopren, so belehrt uns die Max-Planck-Gesellschaft, entsteht beim Stoffwechsel und wird im Muskelgewebe gespeichert. Wenn wir uns bewegen, wird es über den Blutkreislauf und die Atmung, aber auch über die Haut freigesetzt. Offenbar rutschen wir im Kinosessel unwillkürlich hin und her oder spannen Muskeln an, wenn wir nervös und aufgeregt sind.

Ginge es bei der Filmbewertung also allein um psychologische Belastung, könnten die Isoprenwerte bei einem Testpublikum möglicherweise ein objektiver Maßstab sein. Williams will mit seiner Arbeitsgruppe weiter in dieser Richtung forschen und einen solchen chemischen Test entwickeln.

Vermutlich hat Williams, der an der University of East Anglia in Norwich, England, studierte, bei dem chemischen Test nicht an das BBFC gedacht. Dort ist nämlich die psychologische Belastung und das Herumrutschen auf dem Kinositz kein Thema. Die Gutachter halten eher Ausschau nach Dingen, die Kinder und Jugendliche nicht sehen sollen, wie etwa gewisse anatomische Einzelheiten und illegale Substanzen, sowie Wörter, die sie nicht hören dürfen. Die Kriterien der britischen Klassifizierer in chemische Analytik umzusetzen, dürfte schwierig werden.

Beitrag aus „Nachrichten aus der Chemie“, Januar 2019

Michael Groß

www.michaelgross.co.uk

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